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Die 6 psychischen Ressourcen für Nachhaltigkeit

Es gibt viel berechtigte Kritik an den materialistisch orientierten Privatverbrauchern, doch was ist die Alternative? Wie entwickeln wir eine Vision, ein Menschenbild, das zukunftsfähig ist und uns Orientierung gibt? Wie kann man die guten, schöpferischen Kräfte des Menschen, seine Ressourcen, dafür nutzen? Darauf gibt Marcel Hunecke in seinem Buch “Psychologie der Nachhaltigkeit“ eine inspirierende Antwort. Ich stelle hier die von ihm formulierten 6 psychischen Ressourcen für Nachhaltigkeit vor, teils um eigene Gedanken ergänzt.

(1) Genussfähigkeit

Dies bedeutet positive Sinneserfahrungen mit psychischem Wohlbefinden verknüpfen können. Den Ausgangspunkt davon bilden die vielfältigen Sinnesorgane des Menschen und sein natürliches Streben nach positiven Gefühlen (Hedonismus). Genuss kann körperlich-sinnlich (z.B. gutes Essen, ein Bad nehmen) oder ästhetisch-intellektuell (z.B. Kunst oder Literatur) sein. Die Wirkung für eine nachhaltige Entwicklung liegt darin, das Vorhandene wertzuschätzen und bewusst auszukosten.

Bild: ++lichtempfindlich (flickr)

Bild: ++lichtempfindlich (flickr)

Es geht also um Intensität statt Masse, womit letztlich weniger materielle Ressourcen verbraucht werden. Außerdem ist es wichtig, mit gutem Gewissen zu genießen. Ein positiver Nebeneffekt der Genussfähigkeit ist außerdem, dass sinnlicher Genuss entspannt und Stress reduziert. Aktiv trainiert und gefördert werden kann sie durch eine Sensibilisierung für positive Sinnesreize.

(2) Achtsamkeit

Darunter versteht der Autor die Aufmerksamkeitslenkung auf den Moment und das Einnehmen einer nicht wertenden Haltung. Achtsamkeit ist gleichzeitig der Prozess (Praxis der Achtsamkeit) und das Ergebnis (achtsames Gewahrsein). Sie intensiviert die Sinneswahrnehmung, das Erleben des Augenblicks und schärft das Bewusstsein für das was da ist: genug. Gezielt fördern kann man Achtsamkeit durch Meditationspraxis und Innehalten im Alltag, durch eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Vermeidung von Reizüberflutung.

(3) Selbstakzeptanz

Sich selbst zu akzeptieren, bedeutet alle Eigenschaften der eigenen Person so anzunehmen wie sie sind. Dies macht uns unabhängiger von sozialen Vergleichen. Ein starkes Selbstwertgefühl immunisiert gegen kompensatorischen Konsum: wenn ich mich selbst so annehme wie ich bin, brauche ich keine vermeintlichen Mängel mit ressourcenintensiven Produkten auszugleichen.

Bild: Robert Wetzlmayr (flickr)

Bild: Robert Wetzlmayr (flickr)

Die Selbstakzeptanz zu stärken erhöht insgesamt die Lebenszufriedenheit und kann in mehreren Schritten geschehen. Bei einem niedrigen Selbstwertgefühl sollte zunächst der Fokus auf die Stärken gelegt werden. Innere Wertschätzung für die eigenen Stärken erleichtert das Annehmen der Eigenschaften, die man bei sich als „Schwächen“ ansieht. Darüber hinaus hilft es, den so genannten „Inneren Kritiker“ durch einen inneren wohlwollenden Begleiter auszubalancieren und den eigenen Faulpelz als wichtige, gesundheitserhaltende innere Stimme zu pflegen. Auch über eine positive Wahrnehmung des eigenen Körpers kann die Selbstakzeptanz gefördert werden.

(4) Selbstwirksamkeit

Sie bezeichnet das Grundgefühl, eigene Ziele und externe Anforderungen bewältigen zu können. Eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung fördert Motivation und Ausdauer für nachhaltiges Handeln. Insbesondere angesichts unlösbar erscheinender globaler Umweltprobleme ist die Selbstwirksamkeitsüberzeugung bedroht. Dies kann zu Resignation und Nihilismus führen. Möchte man die Selbstwirksamkeit in Bezug auf nachhaltiges Handeln fördern, ist es wichtig die positiven Folgen einer nachhaltigen Handlung sichtbar zu machen, z.B. die Menge an eingespartem CO2 durch eine umweltfreundliche Handlung anzugeben. Außerdem sollte man für die einzelne Person erreichbare Ziele setzen (und Überforderung vermeiden), erste Schritte und Experimentieren fördern, den Eigenanteil loben. Wirkmächtig ist auch das Lernen am Modell, also zu sehen, dass andere Menschen dies schon geschafft haben (z.B. den Arbeitsweg regelmäßig mit dem Rad zu fahren) und Positivbeispiele (s.a. Geschichten des Gelingens, bei FuturZWEI).

(5) Sinnkonstruktion

Dies bedeutet im eigenen Handeln eine Bedeutung zu sehen, die über das eigene Wohlergehen hinaus geht. Viktor Frankl sagt: „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden“. Sinnkonstruktion ist also ein aktiver, vielleicht auch anstrengender Prozess. Zurückgreifen kann man dabei auf transzendente und religiöse Bezüge oder auf humanistische Werte. Sinn im eigenen Handeln zu sehen erzeugt ein Gefühl existenzieller Verbundenheit und Sicherheit. Der Prozess der Sinnkonstruktion kann gefördert werden, indem man Reflektionsräume zur Auseinandersetzung mit Sinnfragen schafft, z.B. in Workshops, Seminaren, die keinen direkten beruflichen Bezug haben. Jede Einzelne kann auch ganz praktisch damit anfangen, sich zu fragen, in welchen Situationen sie besonders viel Sinnhaftigkeit spürt. Diese geben Hinweise auf die zugrunde liegenden Werte, die uns wichtig sind.

(6) Solidarität

Solidarisch zu sein, bedeutet (Mit-)Verantwortung für das Wohlergehen anderer Menschen zu übernehmen. Sie ist eng mit sozialer Gerechtigkeit und politischem Empowerment verknüpft. Solidarität stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit und Vertrauen. So kann individuelles Handeln in kollektive Aktionen überführt werden, um mittelfristig Strukturen in Richtung einer nachhaltigeren Entwicklung zu verändern. Solidarität lässt sich fördern, indem man Erfahrungsräume für gelebte Solidarität schafft. Hier kann man sich den Effekt zunutze machen, dass auch das Handeln die Einstellungen beeinflusst (und nicht nur umgekehrt).

Es wird deutlich, dass die 6 psychischen Ressourcen miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig positiv verstärken können. Von besonderer Bedeutung sind aus meiner Sicht Sinnkonstruktion und Solidarität. Sie fördern die Ausrichtung des eigenen Handelns auf eine für Mensch und Umwelt zukunftsfähige Entwicklung.

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